Achim in der Zwickmühle

Kleine Hilfe unter Freunden

Für einen neuen Zweipersonen-Abend mit Hans-Günther Pölitz und Michael Günther Bard, bei dem Kabarett und Schauspiel aufeinandertreffen, haben sich zwei etablierte Institutionen der Landeshauptstadt zusammengetan.

„With a little help from my friend“ ertönt zu Beginn des sehr ungewöhnlichen Abends in der Magdeburger Zwickmühle. Der Song steht symptomatisch, denn die „kleine Hilfe unter Freunden“ kann man für das Experiment zwischen der gestandenen Magdeburger Kabarettbühne und den nicht weniger kultigen Kammerspielen Magdeburg durchaus wörtlich verstehen.

Hans-Günther Pölitz, Michael Günther Bard Foto: Viktoria Kühne

Die Zutaten für das Experiment „Achim in der Zwickmühle“ sind einfach: Prinzipal Hans-Günther Pölitz trifft auf den Star der Kammer-Serie „Olvenstedt probiert’s“, den Laienschauspieler Achim Sommer (Michael Günther Bard).
Der Grandseigneur des Kabaretts, ein wenig in der Sinnkrise, weil seine feinsinnige Satire auf zuweilen absurdeste und vor allem unlustige Realität trifft, will neue Wege gehen, und zwar volkstümliche. Dazu lädt er sich Achim Sommer ein, den Olvenstedter Star am „Stützpunkt“ und der legendären Laientruppe „Braune-Sommer-Wiese“, der einen anderen Ton auf die Bühne bringen soll. Sommer hingegen erwartet sich ein wenig Entspannung, weniger schweißtreibende Aktivität, denn als Theaterschauspieler hat er unter vollem Körpereinsatz schon auch mal ein Ungeziefer wie in Kafkas „Verwandlung“ oder einen schwulen Löwen im „Zauberer von Oz“ gespielt. Kabarett heißt für ihn: „Pointen raus – Applaus.“ Und so werden die gespielten Kabarett-Proben unter der Regie von Oliver Breite nicht nur zu einem klassischen Nummernprogramm, sondern bieten auch einen vergnüglichen Einblick in die verschiedenen Genres, deren Grenzen am Ende keine Rolle mehr spielen.
Los geht’s wie bei „Olvenstedt probiert’s“: Sommer, mit Wurst-Buletten-Paket und Sudenburger Bier im Gepäck, entert die Kabarettbühne, wird aber sofort, wie auch bei den sich durch den Abend ziehenden weiteren Versuchen, vom entsetzten Pölitz gebremst, schließlich wird auf der Bühne nicht gegessen und schon gar nicht getrunken.

Pölitz kapert den Laienmimen mit einem Buch voller Fußballsprüche, und schon sind die beiden ungleichen Ikonen mittendrin im Disput über die philosophischen Seiten der „schönsten Nebensache der Welt“ und setzen ihre aktuell politischen Pointen so zahlreich wie Sommers Magdeburger Lieblingsverein Tore zu wünschen wären.
Damit „in den Köpfen etwas bewegt“, wie es Pölitz ausdrücken würde, oder „in der Omme wat losjetreten“ wird, die Sommer formuliert, stehen aktuelle Themen an.
Ob Impfkampagne – grandios die Motivationsansprache Sommers als lokaler Fußballtrainer – oder überzogene PETA-Kampagnen, übers Ziel hinausschießende Political Correctness, zweifelhafte Studien oder steigende Heizkosten – die Pointen sitzen sicher. Highlights sind hier die an Loriot erinnernde politische Rede Pölitz‘, gespickt mit bekannten verunglückten Fußballerzitaten oder die deeskalierende Ansprache Sommers als Einsatzpolizist, der die „Spaziergänger“-Gruppen nach Links-Rechts-Spektren einteilt.

Beim Spiel der beiden, das deutliche Anleihen beim unvergessenen Duo Herricht-Preil nimmt, gilt für Sommer: „Dezenz ist Schwäche“, bei Pölitz: „Dezenz ist hohe Kunst“.
Anders als bei Herricht und Preil wechseln bei Pölitz/Sommer jedoch auch mal die Rollen, wenn Achim plötzlich die Regie übernimmt und sein Gegenüber mit Schauspieltechniken verblüfft.

Das Experiment ist geglückt, im Premierenpublikum mischten sich Kammer-Stammgäste mit Kabarettgängern, und beide Gruppen hatten hörbar Spaß am Bühnengeschehen. Der Text aus der Feder des Kammer-Hausautoren Dirk Heidicke balanciert treffsicher zwischen dem messerscharfen Kabarett-Ton des Zwickmühlen-Hausherren und der entwaffnenden Prolligkeit eines Achim Sommer. „Olvenstedt-probiert’s“-Fans werden ihre helle Freude an den neuen Wegen Sommers haben, gleichwohl muss man die Theaterserie nicht unbedingt kennen, um Spaß an der liebenswerten Hauptfigur zu haben. Im Idealfall macht der Ausflug Sommers Lust darauf, die gesamte Laienspieltruppe kennenzulernen, während die Kammerfans möglicherweise Lust auf einen Abend reinen politischen Kabaretts bekommen.

Am Ende sind „die Buletten kalt und das Bier warm“. Ob Achim Sommer es am Schluss schafft, Pölitz doch noch auf ein Sudenburger zu überreden, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Fest steht, dass der pointenreiche Dialog des ungleichen Gespanns nach Fortsetzung schreit, denn ob Deutschland am Rande des Wahnsinns steht oder mit einem Bierchen und einem zünftigen Fußballspiel doch einigermaßen erträglich ist, bietet Stoff für noch so manchen vergnüglichen Disput.

Fotos: Viktoria Kühne

Alle Vorstellungstermine:

https://www.zwickmuehle.de/

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